Essay - The Carrier Bag Theory of Fiction von Ursula K. Le Guin in Donna Haraways Staying with the Trouble

Posted on Jun 21, 2023

Donna Haraway stellt im Kapitel „Tentacular Thinking, Anthropocene, Capitaloscene, Chthuluscene” ihres Buchs Staying with the Trouble die Carrier Bag Theory von Ursula K. Le Guin vor, über die Le Guin in ihrem Essay The Carrier Bag Theory of Fiction von 1986 schreibt. Als Vorlage dient Le Guin dabei die Carrier Bag Theory of Evolution aus Elisabeth Fishers Woman’s Creation: Sexual Evolution and the Shaping of Society1 von 1979 als Vorlage. Haraway spricht sich in Bezugnahme von Le Guins Carrier Bag Theory gegen das prick tale aus, die klassische patriarchalische Struktur einer Erzählung, einer Weltanschauung, die sich einzig und allein mit dem Helden beschäftigt. Der Held, der das Mammut erlegt und dabei auf sich allein gestellt war. Der Held, der keine Hilfe benötigt. Der Held, der sich in ein Abenteuer stürzt, in dem es um Leben und Tod geht – weiter, höher, schneller. Der spitze Pfeil schießt durch die Luft ins Fleisch, das Mammut ist tot und man ist zum Helden geworden.

Le Guin und Haraway fragen sich: Wo sind die anderen? Die passiven Zuhörer, der Teil der Gemeinschaft, der das tägliche Leben gelebt hat, der Teil, der sich gekümmert hat und Essen sammelte, während man ein Abenteuer erlebt hat und zum Helden des prick tale geworden ist. Oder besser: Sich selbst zum Helden eines prick tale gemacht hat.

Die Carrier Bag Theory eröffnet im Gegensatz zum prick tale eine Welt voller Möglichkeiten. Wesen, die im prick tale keinen Platz für sich fanden, keine eigene agency entwickeln durften oder deren agency zumindest nie sichtbar war, finden in der carrier bag eine Daseinsberechtigung:

The slight curve of the shell that holds just a little water, just a few seeds to give away and to receive, suggests stories of becoming-with, of reciprocal induction, of companion species whose job in living and dying is not to end the storying, the worlding. (…) There is only the relentlessy contingent SF worlding of living and dying, of becoming-with and unbecoming-with, of sympoiesis, and so, just possibly, of multispecies flourishing on earth.2

Während das prick tale ein finites Ende von absoluter Wichtigkeit besitzt, erkennt die Welt der carrier bag, dass das Leben aller den Tod des einzelnen überdauert.

Haraway nutzt Le Guins The Carrier Bag Theory of Fiction als Appell an sympoiesis, die Art und Weise des kollektiven Herstellens und Erhaltens3, doch finden sich im zweiten Kapitel von Staying with the Trouble noch andere Allegorien und Metaphern, die die Theorie der carrier bag unterfüttern, unterstützen und Teil von ihr sind.

My partner Rusten Hogness suggested compost instead of posthuman(ism), as well as humusities instead of humanities, and I jumped into that wormy pile.4

Der pile sowie der von Haraway genutzte Begriff muddle5 erinnern beide an Jane Bennets Ding-Macht, welche die Theoretikerin in ihrem Werk Lebhafte Materie, Eine politische Ökologie der Dinge beschreibt. Die Ding-Macht bedeutet, dass Dinge eine eigene Wirkmächtigkeit oder Vitalität besitzen und bei anderen Dingen, Gegenständen oder Wesen mit einer eigenen agency Wirkungen, Affekte, etc. auslösen können.6 Wie Haraway selbst schreibt, „nothing is connected to everything; everything is connected to something“7. Der pile/muddle ist eine Verbindung aus Akteuren untereinander, die mindestens in ihrem Dasein als pile/muddle eine Verbindung miteinander eingehen und in sich selbst eine Sammlung, eine carrier bag darstellen: Ohne Hierarchien oder Reihenfolge erzählen die Akteure des pile eine non-lineare Geschichte, von der andere Akteure in Folge der Ding-Macht beeinflusst werden können. Ähnlich wie Jane Bennett vom Abfall-Haufen beeinflusst, werden die affektierten Akteure durch ihre Verbindung zum pile selbst Teil des pile/muddle, die interconnectedness8 von Akteuren eröffnet sich erneut in Form einer carrier bag.

Ich frage mich im Kontext dieser interconnectedness, ob es sich bei Gaia/Terra/der Erde nicht selbst um eine carrier bag handelt:

(…) we can call our narrations “geostories,” in which “all the former props and passive agents have become active without, for that, being part of a giant plot written by some overseeing entity“. 9

Löst man sich von der Annahme, dass die Erde ein einzelner Akteur ist, „but complex systemic phenomena that compose a living planet“10, wir und alle anderen Akteure also in ein und derselben Tasche stecken und wir sowohl Inhalt als auch Membran sind, eröffnet sich die Möglichkeit der Erde als Gefäß, als carrier bag, als sympoiesis eines Kollektivismus, der gefordert wird um uns und die Milliarden anderer Akteure, mit denen wir uns diesen pile teilen, vor dem radikalen Ende einer prick tale-Geschichtserzählung zu bewahren.

Ursula K. Le Guin appelliert in vielen ihrer Werke an Kollektivität, Solidarität, alternative Lebensrealitäten abseits von Monogamie und der nuklearen Familie, Kapitalismus, Patriarchat und der Ausbeutung von Mensch und Natur. Kann die carrier bag etwas Weltumspannendes sein, so ist Le Guins Carrier Bag Theory of Fiction doch eine Aufforderung zu einer radikalen, neuen Art des Geschichtenerzählens, die von Haraway in Staying with the Trouble aufgegriffen wird. Staying with the Trouble zu lesen ist, als würde man Nüsse und Beeren in einem kollektiven Garten sammeln. Mal blättert man vor, mal blättert man zurück. Die Fußnoten erzählen Geschichten von Inspiration und Zusammenarbeit, von Wertschätzung anderer. Ziel ist es, so viel wie möglich mitzunehmen, so viel wie möglich tragen zu können und ja nichts zu verlieren oder zu vergessen. Helfen kann die carrier bag. Sie kann alles tragen und ist etwas, was es noch weiter zu erforschen gilt.



  1. Haraway, Donna: Staying with the Trouble. Making Kin in the Chthulucene. Durham and London: Duke University Press, 2016, S. 177. ↩︎

  2. Ebd. S. 40. ↩︎

  3. Vgl. Ebd. S. 33. ↩︎

  4. Ebd. S. 32. ↩︎

  5. Ebd. S. 31. ↩︎

  6. Vgl. Bennet, Jane. Lebhafte Materie. Eine politische Ökologie der Dinge. Übs. v. Max Henninger. Berlin: Matthes und Seitz, 2020, S. 28 – 34. ↩︎

  7. Haraway, Staying with the Trouble, S.31. ↩︎

  8. Ich nutze hier interconnectedness statt „Verbundenheit“, da der Präfix inter- die wechselseitige Verbundenheit der Akteure mMn. besser beschreibt. ↩︎

  9. Haraway: Staying with the Trouble, S. 40 – 41. ↩︎

  10. Ebd. S. 43. ↩︎